Self Care ist mehr als nur Duftkerzen und Vollbad

Self Care

Dieser Artikel erschien zuerst bei refinery29

 

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Du hattest einen höllischen Tag? Da hilft nur eine Runde Self Care mit dem Lieblingsbuch in der Badewanne! Aber gibt es alles, was man für Self Care braucht, in der nächsten Drogerie zu kaufen? Oder steckt mehr hinter dem Buzzword Self Care als ein entspannter Abend in der Badewanne?

Liebeskummer, Stress auf der Arbeit, Knatsch mit der besten Freundin: Wenn das Leben einem einen Schlag nach dem nächsten versetzt, ist der erste Rat, den wohlmeinende Menschen geben, dass man sich “etwas Gutes tun sollt”. Lifestyle-Blogs und Ratgeberseiten verpacken das etwas peppiger und nennen es “Self Care”. Gemeint ist damit aber meistens dasselbe: Lasst euch ein Vollbad ein, genießt ein Glas Wein, gönnt euch eine Tafel Schokolade. Kurzum: Tut etwas, was euch für den Augenblick Entspannung und Freude bringt. Der Vorteil dieses Ratschlags liegt auch auf der Hand: Wer hört schon nicht gerne, dass er sich etwas gönnen soll und kurzfristig hellen die kleinen Streicheleinheiten für die Seele ja durchaus die Stimmung auf.

Vergessen werden sollte aber nicht, was die Basis hinter dem hippen Buzzword „Self Care“ ist: Selbstpflege, so der deutsche Begriff, klingt eher nach Krankenhaus und weniger nach schickem Spa-Erlebnis, kommt dem Kern der Sache aber schon näher. Es geht darum, bewusst so zu handeln, dass die eigene Gesundheit erhalten bzw. wiederhergestellt wird. Das kann grundlegende Pflegemaßnahmen, wie sich waschen und genug essen umfassen, aber auch Handlungen, die die psychische Gesundheit fördern. Und hier wird es nun noch unsexier, als die Übersetzung “Selbstpflege” ohnehin schon ist. Denn Self Care ist viel mehr als nur die gute Fee, die dir auf magische Weise eine Entschuldigung dafür gibt, dich mal einen Abend gehen zu lassen.

Klar, Self Care kann manchmal ein entspannter Abend mit einem Glas Wein sein. Es ist aber auch die Entscheidung, schon um 21:00 Uhr nüchtern von der Party nachhause zu gehen, weil man sonst den nächsten Arbeitstag nicht überstehen würde. Self Care ist manchmal eine Tafel Schokolade vor dem Fernseher zu verdrücken. Es ist aber auch das Packen von gesunden Lunchpaketen für die Mittagspause, weil Fast Food auf Dauer auf den Magen schlägt. Self Care ist das Entspannen in der Badewanne. Es ist aber auch der Wecker, der um sechs Uhr morgens klingelt, weil man vor der Uni noch ein paar Kilometer laufen geht.

Viel öfter als eine süße Melodie ist Self Care nämlich die nörgelnde, tadelnde Stimme einer Mutter, die in eurem Hinterkopf schimpft und Ratschläge gibt. Das klingt mühsam und viel weniger erstrebenswert, als ein entspannter Abend in der Badewanne. Aber wie schon wahrscheinlich alle Mütter seit Jahrtausenden sagen: Es geht um euer Wohlbefinden und eure Gesundheit, nicht darum, euch zu ärgern.

Warum ist es aber überhaupt so wichtig, darauf hinzuweisen, dass Self Care mehr ist als nur Wohlfühlaktivitäten? Dass es auch mühsame, sich wiederholende Tätigkeiten umfasst? Weil man all den coolen Lifestyle-Kids unter die Nase reiben will, wie oberflächlich sie sind? Weil man immer anti alles ist? Vielleicht. Vor allem muss man sich aber von dem Gedanken abgrenzen, dass alles immer Spaß machen muss. Manche Dinge muss man nämlich machen, obwohl sie unangenehm und mühsam sind. Der Grund: Weil sie auf lange Sicht gesehen gut für einen sind. Das beschränkt sich auch nicht auf Morgensport, ausgewogene Ernährung und einen gesunden Schlafrhythmus.

Noch mehr Überwindung kann es einen nämlich kosten, regelmäßig die richtigen Entscheidungen für das eigene psychische Wohlbefinden zu treffen. Auf einen Drink mehr kann man noch leichter verzichten, als zu hinterfragen, ob der Party-People-Freundeskreis, der nur durch Drogen, Alkohol und wildes Feiern zusammengehalten wird, einem wirklich das gibt, was man von einer Freundschaft erwartet. Abends früh ins Bett zu gehen fällt leichter, als sich damit auseinanderzusetzen, ob die Person, die neben einem einschläft, dort nur liegt, weil man Angst vorm Alleinsein hat. Self Care heißt nicht nur darauf zu achten, dass die eigene Ernährung möglichst frei Giftstoffen ist, sondern auch die Beziehungen und Freundschaften, die man pflegt.

Und damit immer noch nicht genug. Self Care und ihr Kern, die Frage, was man braucht, machen nämlich nicht Halt an den Grenzen des eigenen Privatlebens. Irgendwann sollte man sich auch die Frage stellen, ob einem der Job gibt, was man braucht. Und nein, das ist kein Aufruf, sich mit einer Bar auf Barbados selbstständig zu machen. Denn was man braucht und was man will, können zwei unterschiedliche Sachen sein. Dein Job gibt dir nicht die vollkommene Erfüllung? Statt sich selbst zu martern und unter Druck setzen zu lassen, warum man es nicht schafft, doch endlich einen so tollen Job zu haben wie alle anderen, kann man sich fragen, ob Erfüllung wirklich das ist, was man von seinem Job braucht. Es kann nämlich allem Selbsterfüllungs-Ratgeber-Quatsch zum Trotz durchaus auch sein, dass man von seinem Nine-to-five-Job einfach nur eine halbwegs interessante Tätigkeit und eine halbwegs vernünftige Bezahlung braucht. Die Erfüllung kriegt man wo anders her. Von seiner Familie, seinem Hund oder seinen Hobbys. Macht man sich das erst klar, kann das zum einen ernüchternd sein, aber zum anderen auch sehr viel Druck aus Diskussionen und Problemsituationen nehmen. Schließlich geht man an berufliche Herausforderungen ganz anders heran, wenn es nicht um den „Traumjob“ geht, sondern einfach um eine „normale“ Arbeitsstelle.

Setzt man sich damit auseinander, was man braucht, kann das viele mühsame, sich immer wiederholende Aufgaben mit sich bringen. Es kann aber auch bedeuten, dass man sich endlich aus toxischen Beziehungen löst. Oder seine Energie nicht mit Dingen verschwendet, die man nicht wirklich braucht. Dieser Teil der Self Care kommt weniger oft auf Glückwunschkarten oder als guter Ratschlag. Denn er lässt einen keine Beliebtheitswettbewerbe gewinnen und lässt sich auch viel schlechter verkaufen aus „Gönn dir mal etwas Gutes“-Badezusätze und Duftkerzen. Auf sich selbst und seine psychische und körperliche Gesundheit zu achten ist aber kein Zeichen von Egoismus und das hier auch kein Aufruf zur Rücksichtslosigkeit. Es ist vielmehr eine Erinnerung daran, dass manche Weisheiten in den Sicherheitshinweisen von Flugzeugen versteckt sind: Man muss sich immer zuerst selbst eine Sauerstoffmaske aufsetzen, bevor man anderen hilft.

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